Gestern Kollege, heute Chef: Wie du Vertrauen behältst und Respekt gewinnst
Eine Betriebsübernahme ist eine große Chance: Du übernimmst Verantwortung, gestaltest Zukunft und hast die Möglichkeit, dem Betrieb mit deiner Persönlichkeit und deinen Ideen eine eigene Richtung zu geben.
Aber sie kann natürlich auch herausfordernd sein. Dieser Artikel zeigt dir, was eine Betriebsübernahme bedeutet, wie du den Sprung vom Kollegen zum Chef schaffst und einen reibungslosen Übernahmeprozess für alle Beteiligten ermöglichst.
Info
In den nächsten fünf Jahren werden laut Spitzenverband des Handwerks, dem Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mindestens 125.000 Betriebe zur Übergabe stehen. Sei es durch Externe, in der Familie oder in der Belegschaft. Bei Letzterer geschieht die Nachfolge / Übernahme des Betriebs durch Interne, z. B. Führungskräfte oder langjährige Mitarbeitende. Dieser Beitrag zeigt dir, was im Alltag oft entscheidend ist: welche Punkte du dabei bezüglich Führung, Kommunikation, Haltung und Teamdynamik berücksichtigen solltest.
Du spielst mit dem Gedanken, den Betrieb zu übernehmen?
Vielleicht bist du schon lange im Betrieb. Du kennst die Abläufe, die Kunden und das Team. Und irgendwann kommt der Gedanke: „Kann ich mir vorstellen, das hier zu übernehmen?“
Eine interne Betriebsübernahme ist eine große Chance. Aber sie bedeutet mehr als einen neuen Vertrag. Sie verändert vor allem deine Rolle: Aus der Kollegin/ dem Kollegen wird die Chefin/ der Chef.
Zunächst ist es ein klarer Vorteil, wenn du ein funktionierendes Unternehmen mit eingespieltem Team und einem festen Kunden- und Lieferantenstamm übernimmst. Wenn bekannt ist, wer du bist und wie du arbeitest, steigen die Chancen deutlich, dass die Übernahme ruhig, professionell und ohne größere Reibungsverluste laufen kann.
Was ändert sich für dich?
Mit der Übernahme wirst du Unternehmer, das heißt:
- Du trägst Finanzverantwortung, von der Kalkulation bis zur Bilanz
- Du planst Aufträge
- Du sicherst Arbeitsplätze
- Du triffst Entscheidungen, auch mal unbequeme
Damit verschiebt sich dein Alltag hin zu mehr Organisation und Führung.
Ein Tipp aus der Praxis: Es ist empfehlenswert, dir feste Zeiten für Büro, Planung und Führung zu „reservieren“, sonst frisst dich das operative Tagesgeschäft auf und du verlierst dich schnell im alltäglichen „klein klein“.
Wie sich das für deine Kollegen anfühlt
Für dich ein Karriereschritt, für dein Team erst einmal eine Umstellung. Viele denken:
- „Warum sie / er?“
- „Wird jetzt alles anders?“
- „Kann ich noch offen reden?“
Diese Fragen sind normal und Teil eines jeden Übernahmeprozesses, die zweite und dritte sogar in jedem Veränderungsprozess, denn wir sind Menschen und Veränderung ist erstmal mit Angst verbunden. Meist wird das nicht laut ausgesprochen, aber Angst ist die Grundlage für Unsicherheiten im Team. Das ist keine Beleidigung an dich sondern eine normale Reaktion und nahezu immer beim Übernahmeprozess zu beobachten.
Hier liegt vielmehr an dir, diese Unsicherheit zu erkennen und anzusprechen – nicht anzuklagen (!) – sondern diese Gedanken ernst zu nehmen. Damit legst du den Grundstein dafür, dass dein Team den Übergang akzeptiert, motiviert mitarbeitet und die Veränderungen mitträgt.
Aus der Praxis ein Tipp: Führe frühzeitig ein Teamgespräch mit allen Beschäftigten. Empfehlenswert ist, offen zu erklären, warum du übernimmst und wie du den Betrieb führen willst, z. B. was bestehen bleiben soll und was du ändern willst.
Hierzu noch ein Tipp
(Spoiler: Fairness schlägt Beliebtheit): Als Kollege warst du Teil des Teams und als Chef bist du nun verantwortlich für das Team. Natürlich darfst du zugänglich und locker bleiben ABER: Kein „Kumpel-Chef“. Du bist nicht mehr nur Freund. Nicht jeder wird dich immer mögen, das ist in Ordnung – wichtiger ist, dass dein Team dir vertraut. Das ganze Team braucht
- verlässliche Aussagen
- transparente Entscheidungen
- gleiche Maßstäbe
- Konsequenz
Offen reden spart dir viele Probleme
Gute Kommunikation ist dein wichtigstes Werkzeug. Was bei einer Übernahme oft zu Unsicherheit führt, ist die neue Rollenverteilung. Daher ist es empfehlenswert, offen, transparent zu sein und im Alltag, z. B. deine Entscheidungen sauber zu erklären. Das verhindert Unsicherheit, Gerüchte und Frust. Sprich regelmäßig über
- Ziele (so stellst du dir die Zukunft im Betrieb vor, das sollte motivierend aber realistisch sein)
- klare Regeln (z. B. Spielregeln wie Pünktlichkeit, Qualität, Umgangston, Vorbildfunktion beachten)
- Veränderungen (die darf es geben: was soll sich im Betrieb ändern, warum und wie)
Du darfst auch Unsicherheiten zeigen, auch Fehler machen ist normal. Was hier entscheidend ist: Wie du damit umgehst. Daher sprich es an, wenn etwas schief geht, korrigiere es und mach weiter.
Ein Tipp aus der Praxis: Es ist im Prozess des Übergangs empfehlenswert, regelmäßig z. B. monatlich, kurze Gespräche mit jedem Mitarbeitenden zu führen. Es reicht, das in dieser Regelmäßigkeit nur am Anfang zu tun, um alle „abzuholen“ und „mitzunehmen“.
Zwei typische Fehler im Übernahmeprozess
Viele interne Nachfolger stolpern über die „Ich-schaff-das-schon-allein“-Fehler. Ob aus Stolz oder aus Unsicherheit, viele verzichten auf Unterstützung. Dabei wird Zeit und wertvolles Wissen verschenkt und vermeidbare Fehler riskiert. Zwei Dimensionen von „Ich-schaff-das-schon-allein“, die in der Praxis oft zu beobachten sind:
Alles selbst machen!
Viele neue Nachfolger wollen am Anfang beweisen, wie engagiert sie sind. Also übernehmen sie möglichst viele Aufgaben selbst und geben kaum etwas ab. Das wirkt nach außen fleißig, führt aber oft dazu, dass sie sich schon nach wenigen Wochen übernehmen und ausbrennen.
Praxis-Tipp: Delegieren ist auch ein Muskel, der trainiert werden muss. Finde jede Woche drei Aufgaben, die du abgeben kannst und gib sie ab.
Keine externe Unterstützung nutzen
Viele Nachfolgerinnen und Nachfolger im Prozess der Übernahme versuchen, jede aufkommende Frage, jedes Problem allein zu lösen. Dabei ist das Neuland und eine Lernkurve ist normal. Oftmals ist zu beobachten, dass viele gar nicht wissen, welche Unterstützungsmöglichkeiten und -angebote es gibt. Dabei bieten zum Beispiel die Handwerkskammern gezielte Beratung für Betriebsübernehmende an.
Die Beratenden kommen auf Wunsch direkt in den Betrieb und begleiten dich bei Themen wie Finanzierung, Organisation, Führung oder Nachfolgeplanung. Diese Hilfe zu nutzen ist kein Zeichen von Unwissen, sondern von Professionalität und kann Dir viel Zeit, Geld und Stress sparen.
Praxis-Tipp: Jeder Betrieb gehört zu einer der 53 bundesweiten Handwerkskammern, die auch Nachfolgeprozesse unterstützen und begleiten. Wende dich an deine Handwerkskammer (HWK), hier einige Beispiele der Unterstützung bei der Unternehmensnachfolge durch die…
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- HWK Aachen: Betriebswirtschaftliche Beratung
- HWK Berlin: Existenzgründung in Form von Betriebsübernahme
- HWK Braunschweig-Lüneburg-Stade: Häufig gestellte Fragen zur Betriebsübernahme
- HWK Heilbronn-Franken: Wie die Unternehmensnachfolge gelingt
- HWK Koblenz: Betriebsübergabe
- HWK Region Stuttgart: Betriebsnachfolge
- HWK München: Betriebsübernahme

