Projekt Betriebsnachfolge

Lange war den beiden Soyez-Schwestern Alina und Lara nicht klar, dass sie eines Tages den Betrieb ihrer Eltern übernehmen würden. Beide hatten unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen, bis sie sich für die Familie und den Betrieb entschieden.

Doch wer einen Familienbetrieb übernimmt, übernimmt weit mehr als ein Unternehmen. Neben Zahlen, Verträgen und Verantwortung spielen vor allem die Beziehungen innerhalb der Familie eine entscheidende Rolle.

Genau darüber sprachen Alina und Lara Soyez in ihrem Vortrag hier bei Next Level Handwerk. Die beiden befinden sich grad in dem Prozess, den Betrieb ihrer Eltern zu übernehmen. Ihre wichtigste Erkenntnis: Eine erfolgreiche Nachfolge beginnt nicht mit Verträgen sondern mit Vertrauen.

Soyez

Gründung: 1993
Unternehmenssitz: Ilsfeld bei Heilbronn
Betriebsgröße: 170 Mitarbeitende

Tätigkeitsbereiche: Wärmedämmung, Malerarbeiten, Stuck- und Putzarbeiten, Schimmelsanierung, Trockenbau, Wandtechnik und Komplettrenovierungen

Das ist Alina:

Abitur, Australien

Duales BWL Studium, Soyez
Übernahme Marketing & Event, Soyez

Bauingenieursstudium, Münster

Zech-Wilken & Sohn, Hamburg
Home Office Marketing & Event, Soyez

Marketing & Event, Soyez

Alina ist 30 Jahre alt, ist seit ihrem dualen Studium im Betrieb tätig, spielt gerne Tennis und liebt ihren Hund Merlin, unterwegs zu sein und ist gerne unter Menschen.

Das ist Lara:

Abitur

Tiermedizin, Budapest

Stuckateur Ausbildung & Meister

1. Kammersieg

Personalentwicklung & Ausbildung

Lara ist 26 Jahre alt, Stuckateurin, ist seit fünf Jahren im Betrieb und liebt ihren Hund Snoopy, Pferde, Home-Time und Check-Listen

Nachfolge ist ein Prozess

Die eigentliche Unternehmensübergabe liegt zwar noch vor ihnen, doch der Nachfolgeprozess hat bereits begonnen. Vor zwei Jahren wurde das Thema innerhalb der Familie bewusst angesprochen und damit aus einem Tabu ein gemeinsames Zukunftsprojekt. Gemeinsam wurden in Coachings und Seminaren Ziele erarbeitet und ein Plan geschmiedet, wie die Übernahme für alle Seiten am besten gelingen kann.

Für die Schwestern ist klar: Eine Betriebsnachfolge erfolgt nicht über Nacht. Vertrauen muss wachsen und Verantwortung Schritt für Schritt übertragen werden.

Die größte Herausforderung sind die Beziehungen

Viele denken bei einer Unternehmensnachfolge zuerst an Finanzierung, Verträge oder Steuern. Für die Soyez-Schwestern liegt die eigentliche Herausforderung jedoch woanders.

Als Familie treffen unterschiedliche Rollen aufeinander: Tochter oder Mitarbeiterin? Schwester oder Kollegin? Vater oder Chef? Unterschiedliche Erwartungen und Persönlichkeiten können schnell zu Konflikten führen.

Unterschiedliche Persönlichkeiten als Stärke nutzen

Lara beschreibt sich selbst als strukturiert und planungsorientiert, Alina arbeitet kreativer und spontaner. Früher führte das häufig zu Missverständnissen. Heute sehen die beiden ihre unterschiedlichen Denkweisen als Stärke. Persönlichkeitsanalysen helfen ihnen dabei, die Sichtweise des anderen besser zu verstehen und Konflikte frühzeitig zu entschärfen.

Werkzeuge erarbeiten und nutzen

Über die Zeit hinweg haben sie sich als Schwestern, aber auch als Familie, verschiedene Werkezeuge erarbeitet und zurecht gelegt, mit denen sie die Betriebsübergabe umsetzen:

  • Familienrat: Ein festgelegter Zeitpunkt, an dem alles in einem sicheren Rahmen diskutiert wird, was den Betrieb und die Nachfolge betrifft, sowie persönliche Themen angesprochen werden können.
  • HBDI-Persönlichkeitsanalysen: Um zu verstehen, wie das Gegenüber tickt (z. B. rational, emotional oder strukturiert) und was Auslöser für Konflikte sein könnten.
  • Rollen- & Aufgabenabgrenzung
  • 5-Jahres-Plan: Um alle (auch die Mitarbeitenden des Betriebs) auf einen Stand zu bringen und eine Berechenbarkeit zu schaffen.
  • Leitbild: Was sind die Werte der Firma? Was die Werte der Familie? Wo wollen sie gemeinsam hin und was möchten sie gemeinsam erreichen?
  • Coachings & Seminare
  • Regelmäßiger Austausch
  • Quality Time als Familie, in der nicht über die Arbeit gesprochen wird.

Drei Tipps für junge Nachfolgerinnen & Nachfolger

Zum Abschluss ihres Vortrags gaben Lara und Alina drei Empfehlungen für alle, die über eine Betriebsnachfolge nachdenken:

1

Die Beziehung zur Familie ehrlich hinterfragen: Eine Unternehmensnachfolge bedeutet, Beruf und Familie dauerhaft eng miteinander zu verbinden. Deshalb sollte sich jeder ehrlich fragen, ob dieses Modell zur eigenen Lebensplanung passt. Es ist vollkommen in Ordnung, sich bewusst gegen eine Nachfolge zu entscheiden.
2

Den Workload nicht unterschätzen: Im Familienbetrieb endet die Arbeit selten mit Feierabend. Themen aus dem Unternehmen begleiten viele auch im Urlaub oder beim gemeinsamen Abendessen. Wer diesen Weg geht, sollte Freude an dieser Verantwortung haben.
3

Hinter dem Unternehmen stehen: Nachfolgerinnen und Nachfolger sollten sich mit den Produkten oder Dienstleistungen ihres Betriebs identifizieren können. Die eigene Überzeugung ist ein wichtiger Motor für langfristigen Erfolg.

Drei Tipps für Familienbetriebe

Nicht nur die Nachfolgenden, sondern auch die abgebende Generation kann viel zu einer gelungenen Übergabe beitragen.

1

Vertrauen schaffen: Bevor über Verträge gesprochen wird, sollten bestehende Konflikte und alte Familienthemen aufgearbeitet werden. Gegenseitiges Vertrauen ist die Grundlage jeder erfolgreichen Nachfolge.
2

Offen kommunizieren: Tabuthemen helfen niemandem weiter. Erwartungen, Wünsche und Sorgen sollten frühzeitig angesprochen werden – auf beiden Seiten.
3

Einen gemeinsamen Plan entwickeln: Ein schriftlicher Fahrplan gibt allen Beteiligten Orientierung. Gleichzeitig vermittelt er Mitarbeitenden, Kunden und Geschäftspartnern Sicherheit, dass die Unternehmensnachfolge strukturiert vorbereitet wird.

Die Erfahrungen von Alina und Lara Soyez zeigen: Eine erfolgreiche Betriebsnachfolge beginnt lange vor der eigentlichen Übergabe. Wer frühzeitig miteinander spricht, Verantwortung Schritt für Schritt überträgt und bei Bedarf externe Unterstützung nutzt, schafft die besten Voraussetzungen für einen gelungenen Generationenwechsel.

Denn am Ende entscheidet nicht der Vertrag über den Erfolg einer Nachfolge, sondern das Vertrauen zwischen den Menschen, die den Betrieb gemeinsam in die nächste Generation führen.

Zur Aufzeichnung

FAQ: Nachfolge Familienbetrieb im Handwerk

Was ist die größte Herausforderung bei einer Betriebsnachfolge im Familienbetrieb?

Laut Alina und Lara Soyez sind nicht Verträge oder Finanzen die größte Herausforderung, sondern die Beziehungen innerhalb der Familie. Unterschiedliche Erwartungen, Rollen und Persönlichkeiten können zu Konflikten führen. Deshalb sollte der Vertrauensaufbau frühzeitig Teil des Nachfolgeprozesses sein.

Wann sollte man mit der Planung einer Unternehmensnachfolge beginnen?

Eine Betriebsnachfolge sollte möglichst früh vorbereitet werden. Die Nachfolge sollte als langfristiger Prozess verstanden und Verantwortung Schritt für Schritt übertragen werden. Ein schriftlicher Fahrplan schafft Orientierung für Familie, Mitarbeitende sowie Kunden und Geschäftspartner.

Welche Rolle spielt Kommunikation bei einer Betriebsnachfolge?

Offene Kommunikation ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Wünsche, Erwartungen und mögliche Konflikte sollten frühzeitig angesprochen werden. Tabuthemen erschweren den Nachfolgeprozess und können das Vertrauen innerhalb der Familie beeinträchtigen.

Wie kann man Konflikte in einem Familienunternehmen vermeiden?

Hilfreich sind regelmäßige Gespräche in einem Familienrat, klar definierte Rollen und Verantwortlichkeiten sowie ein offener Austausch über gemeinsame Ziele. Bei festgefahrenen Konflikten kann ein externes Coaching unterstützen und eine neutrale Gesprächsbasis schaffen.

Was ist ein Familienrat?

Ein Familienrat ist ein regelmäßiges Treffen der Unternehmerfamilie außerhalb des Tagesgeschäfts. Dort werden strategische Themen wie Unternehmensziele, Nachfolge, Rollenverteilung oder familiäre Vereinbarungen besprochen. Ziel ist es, Entscheidungen gemeinsam und transparent zu treffen.

Warum sind Persönlichkeitsanalysen bei der Unternehmensnachfolge sinnvoll?

Persönlichkeitsanalysen – beispielsweise das HBDI-Modell – helfen dabei, unterschiedliche Denk- und Kommunikationsstile besser zu verstehen. Das kann Missverständnisse reduzieren und die Zusammenarbeit zwischen den Generationen erleichtern.

Worauf sollten junge Betriebsnachfolgerinnen und -nachfolger vor einer Übernahme achten?

Es wird empfohlen, sich drei Fragen ehrlich zu beantworten:

  • Möchte ich langfristig eng mit meiner Familie zusammenarbeiten?
  • Bin ich bereit für die Verantwortung und den hohen Arbeitsaufwand?
  • Kann ich mich mit den Produkten oder Dienstleistungen des Unternehmens identifizieren?

Welche Unterstützung gibt es bei einer Betriebsnachfolge?

Neben Handwerkskammern und Unternehmensberatung können auch Coaches oder Mediatoren den Nachfolgeprozess begleiten. Externe Unterstützung hilft insbesondere dann, wenn familiäre Konflikte bestehen oder die Rollenverteilung unklar ist.

Welche Faktoren machen eine Betriebsnachfolge erfolgreich?

Unterschiedliche Faktoren können eine Rolle spielen. Entscheidend sind häufig insbesondere:

  • Frühzeitige und zukunftsorientierte Planung
  • Vertrauen innerhalb der Familie
  • Offene Kommunikation
  • Klare Verantwortlichkeiten
  • Externe Unterstützung bei Bedarf

Kann eine Betriebsnachfolge auch scheitern?

Ja. Häufig scheitert eine Nachfolge nicht an wirtschaftlichen Faktoren, sondern an ungelösten familiären Konflikten, fehlender Kommunikation oder unklaren Erwartungen. Deshalb ist es wichtig, neben den rechtlichen und finanziellen Aspekten auch die zwischenmenschliche Ebene aktiv zu gestalten.

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